Sicherheit und Risiko

In der aktuellen Ausgabe von WISSEN schreibt Katrin Blawat über Risiko und Sicherheit und den Umgang des modernen Menschen damit. Aus dem Artikel auf Seite 74 ff. leiten sich somit ein paar interessante Feststellungen beziehungsweise Zusammenfassungen ab:

– Obwohl unsere Sicherheitsvorrichtungen und geregelte Lebensräume ein hohes Niveau an Sicherheit darbieten, bleiben (statistisch betrachtet) ihre erwarteten Auswirkungen aus. So verhindert zum Beispiel die Gurtpflicht in Fahrzeugen manch einen Todesfall unter den angeschnallten Autoinsassen, dafür steigt aber die Zahl der Verkehrstoten unter den Nicht-Angeschnallten, Fußgängern, Radfahrern usw. Der Grund? Der ordnungsgemäß angeschnallte Autofahrer fühlt sich am Lenkrad viel sicherer, also fährt er schneller, mutiger und … gefährlicher.

– Der Mensch überschätzt aber nicht nur die eigene Sicherheit, er sucht das Risiko regelrecht: der im Artikel zitierte Psychologe Rüdiger Trimpop spricht in diesem Zusammenhang vom persönlichen Wohlfühl-Risikolevel. Der Mensch wünscht sich also Sicherheit, zugleich passt er sein Verhalten an die gegebenen Sicherheitsumstände so an, dass sein persönlicher Risikolevel jederzeit aufrechterhalten werden kann.

– Alltägliche Situationen sind trotz und wegen ihrer Unscheinbarkeit besonders gefährlich: tägliche Haushaltserledigungen gelten typischerweise als langweilig, banal und werden bei der Ausführung kaum bewusst wahrgenommen. Sie vermitteln das Gefühl einer trügerischen Sicherheit, schließlich ist man im trauten Heim und macht das zum tausendsten Mal; was kann da schon schief laufen. Sicherlich kann man den geliebten Drehstuhl auch mal dazu verwenden, Bücher aus dem obersten Regal zu holen… Ups.

– Für Verkehrssicherheitsspezialisten ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass man die Überregulierung der Verkehrsstraßen mittels Verkehrszeichen lieber meiden sollte, damit sich die Fahrer nicht allzu wohl und sicher fühlen und gefährlich werden. Stattdessen sollten ihnen das Denken und die Eigeninitiative erlaubt werden, denn es wurde beobachtet, dass die meisten Verkehrsbeteiligten die Verkehrsregeln einhalten und vernünftiger fahren, sobald sie sich wegen besonderer Straßenverhältnisse (enge Straße, Tunnel, usw.) dazu gezwungen fühlen. Es wird wohl dadurch auch ihre Risiko-Lust befriedigt.

Am Ende dieser interessanten Lektüre bleibt mir nur eine Frage offen: sollte man nicht über das Thema Risiko und Sicherheit auch diejenigen aufklären, die überall zu viele Gefahren sehen und auch ununterbrochen ihre Mitmenschen davon zu überzeugen versuchen? Man könnte behaupten, es gäbe es keinen sichereren Weg, ein erschrockener Unfallgeneigter zu werden, als wenn man ständig eingeredet bekommt, wie schrecklich die Welt doch sei und man gar nichts anders kann, als dieser tagaus tagein mit Furcht zu begegnen, um an jeder Ecke zitternd Unfälle zu bauen…


Comments are disabled.

%d bloggers like this: