Warum nicht?

Die Reaktion des netten Abschleppdienstmitarbeiters, der uns und unseren armen, vorübergehend eingeschlafenen Prius an diesem lauen Samstagabend nach unserem ersten Heideblütenbestaunetag nach Hause bringen sollte, kam prompt und unerwartet: “Warum denn das?”

Leicht irritiert bot ich ihm die einzig mögliche Antwort an: “Warum denn nicht?”

“Niemand zieht aus Süddeutschland nach Norddeutschland!” erklärte er hilfsbereit. “Meine Mutter ist dieses Jahr nach Süddeutschland gezogen.”

“Warum denn das?”, wunderte ich mich. Keine Antwort.

Wir bekommen die Erklärung für unseren vermeintlichen Umzugsfehler schon noch mit ziemlicher Regelmäßigkeit angeboten: hier im Norden gibt es keine Berge, alles ist flach, Berge sind besser als die See, die Luft in den Bergen ist frischer, im Süden ist die Industrie, die Immobilien sind wertvollerer … Ich frage mich, ob die Nordeinwohner einfach nur hoffen, dass wir als Reaktion darauf den Norden loben, damit sie sich dann besser fühlen dürfen.

Mache ich gerne: Ich mag Norddeutschland tatsächlich sehr. Wir waren schon Möchtegern-Nordlichter, als wir noch im Süden wohnten, obwohl auch der Schwarzwald, der Kaiserstuhl, der Pfälzerwald und das Altmühltal unsere Lieblingsausflugsorte waren und bleiben. So ein Vogelguck-Winterurlaub in Emden, verbunden mit einem Besuch Amsterdams, prägt einen schon sehr. Um von Skandinavien (20 Jahre lang jeden Sommer, mit Zelt und Boot) gar nicht zu schweigen.

Unsere Nordliebe war auch keine Einbildung, dass stellt sich jetzt Tag für Tag heraus: Wir mögen die Landschaft mit ihren Feldern, Baumalleen und geheimnisvollen Wäldern nach wie vor sehr; wir fragen uns, ob die Frische-Luft-Vermisser den Unterschied zwischen den andauernd bewegten, grauen Luftmassen im Norden und der teigigen, grauen Luftdecke im Rheintal kennen; wir finden außerdem, dass wenn man Berge braucht, dann fährt man einfach hin. Und die See ist kein Ersatz dafür, keine von beiden, aber völlig OK. Als Jedes-Jahr-Paddler haben wir außerdem die Paradieskarte gezogen, denn hier im Norden winken uns unzählige Flüsse zu, die von uns demnächst einer nach dem anderen bepaddelt werden wollen.

Und wenn man so gestrickt ist, wie wir, schadet es auch nicht, dass im Garten Rotkehlchen, Grünspechte, Spatzen, Elstern, Eichhörnchen & Co. laufend Überraschungsauftritte hinlegen. Hinfliegen.

In anderen Worten: endlich zu Hause.

Wahrscheinlich muss ich mir hier aber ein paar Standardsätze zulegen, um unseren Nordmitbewohnern das kurz und glaubhaft erklären zu können. Ich nehme an, die Sache mit den Rotkehlchen kann ich dabei verschweigen.


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